Der "Machismo" stirbt in Chile wohl nie aus
Die südwestliche Andenschönheit zwischen Konservatismus und Moderne
Chilenische Mädchen sagen, er sei ein "Bild von Mann": kräftig, groß, bärtig. Breitbeinig sitzt Jaime auf dem geblümten Sofa im Eßzimmer. Er wohnt noch daheim, er arbeitet nicht, "weil es keine Studentenjobs gibt". Sein Jura-Studium wird er in einem halben Jahr abgeschlossen haben, dann möchte er für die Gemeindeverwaltung in Los Angeles – seine Heimatstadt im Süden Chiles - arbeiten. "Ich werde vieles besser machen als die linken Politiker", sagt er und es klingt wie ein Wahlversprechen.
Jaime deutet auf ein Bild seines großen Vorbildes Augosto Pinochet, das gegenüber der Couchgarnitur an der Wand hängt. "Unter seiner Herrschaft hat alles noch richtig funktioniert", erklärt der 23jährige im schnellen Chileno-Kauderwelsch. Zwischen seinen langen Sätzen setzt er keine Pausen, das "s" betont er nicht und er benutzt viele Vokabeln, die im Schulspanisch nicht vorkommen. Immer wieder wirft er einen kurzen Blick auf das Gemälde des Diktators in weißer Uniform und schwarzer Sonnenbrille, als würde er die Zustimmung des Mannes suchen, der 17 Jahre lang blutig Chile regierte.
Rund 3000 Menschen ließ Pinochet nach offiziellen Angaben hinrichten. Weitaus mehr Anders-Denkende sind gefoltert, inhaftiert, ins Exil getrieben oder verschleppt worden. Jaime meint, daß einige der Morde und Menschenrechtsverletzungen "gerechtfertigt" waren. Auch wenn die Diktatur seit 1991 Geschichte ist, denken noch viele Chilenen ähnlich wie Jaime. Das Regime hinterließ zwar eine zertrümmerte Gesellschaft, aber in den Augen von Banken und Unternehmen eine intakte Ökonomie. Pinochets Amtsvorgänger Salvador Allende hatte die Nation hingegen in eine Versorgungskrise gestürzt. Der Putsch von General Pinochet mit Unterstützung der CIA im September 1973 gegen den Sozialisten veränderte das Land gewaltig. Während die Wirtschaft inzwischen boomt, wirft die Vergangenheit immer noch einen langen Schatten.
Jaime ist sechs Jahre alt, als das chilenische Volk in einem Referendum darüber zu befinden hat, ob sie eine Verlängerung der Amtszeit des Diktators und seiner Regierung will oder nicht. Der junge Jaime darf damals noch nicht stimmen, aber er erinnert sich an die Grabesruhe im Land und daß der fröhliche Eisverkäufer an der Ecke an jenem Tag verschwunden ist: Es ist der 5. Oktober 1988.
Am nächsten Morgen weckt die alte spanische Hymne der Linken, die durch die Fensterläden dringt, den Erstklässler. In der Küche sitzt die Familie zusammen. Die Mutter weint leise in ihre Schürze. Der Vater starrt mit verschränkten Armen gegen die Wand. Die Chilenen haben mit 55 Prozent gegen die Amtsverlängerung Pinochets als Präsident entschieden - kein überragender Sieg für die Opposition. Jaimes Familie ist nicht die einzige gewesen, die das damalige Staatsoberhaupt gern weiter an der Spitze der Regierung gesehen hätte. Ebenso wenig ist sie die einzige gewesen, die am 11. September 1973 auf Pinochets Seite war. An jenem Tag beendet der "oberste Führer der Nation" ein sozialistisches Experiment – und Chile verschwindet für Jahre von der touristischen Landkarte. Bewaffnetes Militär, das auf menschenleeren Strassen über die Einhaltung der Ausgangssperre wacht und an jeder Ecke die Ausweispapiere kontolliert: Chile ist zum "letzten Winkel der Welt" – wie es sich selbst nennt – geworden.
"Wie gefällt dir Chile?" lautet eine häufige Frage der Chilenen an die Besucher ihres Landes. Sie wollen wissen, ob die Welt Notiz von der Republik nimmt. Sie nimmt. Der potente "Wirtschaftstiger Südamerikas" kann sich wieder sehen lassen; der Tourismus ist aufgeblüht. Vielen gilt das Land mit der verrückten Geographie – es misst rund 4300 Kilometer in der Länge, an seiner schmalsten Stelle ist es nur 16 Kilometer breit - als eines der schönsten Lateinamerikas. Beeindruckende Berglandschaften mit malerischen Wasserfällen, undurchdringliche Wälder, zerfurchte Fjorde, aktive Vulkane, die trockenste Wüste der Welt: Nur die Tropen fehlen – sonst ist alles da.
Im krassen Kontrast zur unberührten Natur steht die Hauptstadt Santiago mit rund sechs Millionen Einwohnern. Sie prangt in ihren leuchtenden postmodernen Konstruktionen, die den frisch erworbenenen Status einer Wirtschaftswunder-Metropole dokumentieren. Jaime schwärmt von Santiago, es sei "gigantisch und kann es mit US-Städten aufnehmen". Chilenische Stadtplaner nehmen sich die Vereinigten Staaten als Vorbild. Riesige Einkaufszentren sprießen aus dem Boden wie Pilze. Die "Malls" üben auf die Chilenen eine solche Anziehungskraft aus, daß Schülern in Jaimes Stadt Los Angeles vor 19 Uhr der Zutritt verwehrt wird, um sie nicht vom Lernen abzuhalten. Lokalzeitungen feiern die Eröffnungen der "Konsumtempel" im gleichen Maße, wie sie den Regierungswechsel thematisieren. Fast-Food-Restaurants gibt es inzwischen an jeder Ecke, die aber bis heute die empanada-Buden (gefüllte Teigtaschen) nicht verdrängen konnten. Jaime ißt lieber Hot Dogs – die Lieblingszwischenmahlzeit der meisten "Chilenos". Während er sich das pappige Weißbrot in den Mund schiebt, schlendert er über die "Plaza de Armas", den Waffenplatz von Santiago. Gern hätte er hier studiert. Aber seinen Eltern fehlte das Geld. Die Hauptstadt ist teuer.
Wer Santiago in seiner ganzen Vielfalt kennenlernen will, sollte einen Moment auf der "Plaza de Armas" verweilen. Die grüne Insel im Häusermeer bietet nicht nur Sitz- und Aussichtmöglichkeiten auf die staatliche Kathedrale und das Museum für Nationalgeschichte, sondern auch volkstümliche Atmosphäre. Ein Fotograf mit einer altmodischen Kamera verspricht Schnappschüße fürs Familienalbum. Eine Trommlergruppe zieht mit lauten Getöse Menschenscharen an. Ungestört ruhen sich alte Herren zur "Siesta" im Schatten aus. Nebenan füttert ein Junge Tauben mit Brotkrümeln. In der Mitte planschen Kinder im Brunnen, unter dem Musikpavillon spielen Profis konzentriert Schach gegeneinander. Straßenhändler raffen schnell ihre Habseligkeiten zusammen, als eine Polizeikontrolle droht, ihre schwache wirtschaftliche Existenz zu vernichten. Ebenso fix fertigen Bleistiftmaler die Porträts ihrer Kunden an. Sie gehören zu der Plaza wie die Zeitungsläden, die Schuhputzer und die leicht schmuddeligen Eiscafés.
In Jaimes Heimatland hat sich in den vergangenen Jahren zweifelos viel geändert. Die Sozialistin Michelle Bachelet ist im Januar dieses Jahres zur ersten Präsidentin Chiles gewählt worden. Dabei ist die 54jährige nicht religiös, zwei Mal geschieden und alleinerziehende Mutter dreier Söhne. Und das, obwohl die Mehrheit der Chilenen als inbrünstig katholisch und konservativ gilt. Eine solche Frau an der Spitze der Regierung - das verleitet dazu, falsche Schlüße zu ziehen. Denn der "Machismo" ist in in Chile noch weit verbreitet. Die meisten Familien halten an der alten Aufgabenverteilung fest: "La Señora" ist für den Haushalt sowie das Wohl ihres Mannes und der Kinder zuständig. Auch daheim bei Jaime ist das nicht anders. "Frauen gehören an den Herd und nicht in die Politik. Vor der Ehe hat man keinen Sex. Und sonntags geht man in die Kirche. Es gibt Dinge, die sollten sich besser nie ändern", sagt Jaime mit einem Schulterzucken, das Resignation gegenüber den Veränderungen in dem Andenstaat verrät.
Konträr zu Jaimes konservativer Ansicht stolzieren just in diesem Moment blondgefärbte Models mit Silikonbusen und aufgespritzten Lippen, die ihre Hintern in knappen Strings präsentieren, über den Fernsehbildschirm. Der Student ist gefesselt von den exotischen Damen. Kühl und abwesend weist er seiner "Mamacita" an, ohne sie auch nur anzusehen, sie solle ihm das Abendbrot warm machen. Deutsche Mädchen wuerden ihn deshalb wohl eher "Vollblut-Macho" nennen.
29. März 2006 - Philie Gebhardt